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Leuchtturm

„Das ist ein Prozess, der nie endet!“
DVBS-Geschäftsführer Michael Herbst zu Aufgaben der Zukunft

Seit 95 Jahren gibt es den Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) schon. Dem DVBS gehören bundesweit mehr als 1000 Mitglieder an, die trotz ihrer Behinderung selbstbestimmt leben und beruflichen Erfolg haben wollen. Sie sind in lokalen Gruppen und in 13 Fachgruppen für Ausbildung, diverse Berufe und den Ruhestand engagiert. Der Verein bietet Fortbildungen, Informationen und in seinem Textservice u. a. Fachliteratur auf CDs und im DAISY-Format an. Die Vereinszeitschrift „horus – Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter“ erscheint viermal im Jahr in Schwarzschrift, Blindenschrift und als „horus digital“ auf CD. Der DVBS ist, wie auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV), Projektträger von BIK@work. Da muss es selbstverständlich sein, auch in der Vereins-Geschäftsstelle in Marburg für die Arbeitsplätze der Beschäftigten barrierefreie Informationstechnik einzusetzen. Der Weg zu BIK@work-Schulungen ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht weit. BIK@work-Beraterin Regina Oschmann hat ihr Büro in der Geschäftsstelle in Marburg. Für sein langjähriges Engagement erhält der Verein jetzt einen „Leuchtturm“.

Portraitfoto: Michael Herbst

Michael Herbst,
Foto: Susanne Kneer

Über die Verpflichtung, sich für Barrierefreiheit am Arbeitsplatz einzusetzen und Aufgaben der Zukunft äußert sich Geschäftsführer Michael Herbst in einem Interview mit BIK@work.

BIK@work:
Der DVBS ist (Mit-)Träger der bisherigen BIK-Projekte und von BIK@work. Entsteht daraus für Sie eine besondere Verpflichtung, die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter barrierefrei zu gestalten?
Michael Herbst:
Ich denke schon. Aber das geht weit über die für alle nutzbare IT hinaus und beginnt mit adäquater Schreibtischbeleuchtung, kontraststarken und großen Computerbildschirmen, geht weiter über das richtige Sitzmöbel und den ergonomisch eingerichteten Arbeitsplatz (Telefon in Griffweite) und endet bei der Lärmvermeidung im Büro (Stichwort: lauter Drucker). Das ist ein Prozess, der nie endet, und der beginnt schon lange vor der beruflichen Eingliederung Behinderter, bei älteren Mitarbeitern z.B. oder bei welchen, die Allergien entwickeln oder mit Ohrenrauschen zu tun haben.

BIK@work:
Ist der Verein als Arbeitgeber am Ziel angekommen oder sind noch Verbesserungen notwendig, und wenn ja, wo?

Michael Herbst:
Nein, fertig ist man nie. Dafür ist die Angelegenheit viel zu komplex. Nehmen wir die Einführung eines „Content Management Systems“ für einen Internetauftritt. Das eine ist es, die Software technisch barrierearm hinzubekommen und sie leicht bedienbar zu machen. Das andere sind die Arbeitsabläufe, die angepasst werden müssen. Da gilt es, Know-how zu vermitteln und die Anwendung zu üben. Eine Zeit lang steht dann in der Geschäftsstelle kein Stein mehr auf dem anderen, was diesen Bereich betrifft, aber dann haben letztlich alle gewonnen. Dazwischen liegen Frust, Ärger über die Vorgesetzten und die Dienstleister, aber das ist bei Neuerungen wohl normal.

BIK@work:
Wie hilfreich ist da, dass das Büro von BIK-Beraterin Regina Oschmann beim DVBS angesiedelt ist?

Michael Herbst:
Sehr, sehr hilfreich! Und zwar aus zwei Gründen: 1. sind wir eine relativ hoch technisierte Geschäftsstelle und die sind wir vor allem in den vergangenen sieben Jahren geworden, gerade was das Internet betrifft. Denn heutzutage ist das Netz der Netze der Informationskanal Nr. 1 für Blinde und Sehbehinderte. Für die arbeiten wir und mit der BIK-Beratungsstelle haben wir die Unterstützung in der Entwicklung und der Umsetzung. 2. ist Regina eine von ihnen für die Kollegen. Da kommt kein „junger Schnösel“ und erzählt den „alten Knackern“, wie’s funktioniert. Sie vermittelt als Kollegin, wie man mit MS-Word-Formatvorlagen arbeitet, wie man für barrierefreie PDF-Dokumente sorgt, was man bei der Internetredaktion in Sachen Barrierefreiheit beachten muss.

BIK@work:
Die Vereinsmitglieder kommen aus sehr unterschiedlichen Berufen. Können sie vom erworbenen Know-how in der Vereinsgeschäftsstelle profitieren? Lernen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umgekehrt auch von der Berufserfahrung der Mitglieder?

Michael Herbst:
Die Mitglieder sollten durchaus vom Know-how der Geschäftsstelle profitieren. Dafür sind wir schließlich da. Im Ernst: Nein, ehrlich gesagt haben wir einen solchen Austausch nie kultiviert. Natürlich gibt es dann und wann Praktikanten in der Geschäftsstelle, die auch Mitglied sind. Natürlich bekommen wir fachjuristischen Rat aus den unterschiedlichsten Rechtsgebieten, wenn wir von der Geschäftsstelle aus danach suchen… Natürlich hat Regina Oschmann auch Mitgliedern Know-how vermittelt, z.B. schulte sie blinde und sehbehinderte Juristen im Umgang mit Rechtsdatenbanken. Ganz spontan: In dieser Frage steckt eine spannende Idee. Danke!

BIK@work:
Wie kann es nach Beendigung des Projektes BIK@work weitergehen? Bleibt die Barrierefreiheit am Arbeitsplatz für den DVBS eine Aufgabe?

Michael Herbst:
Sicher bleibt sie eine Aufgabe. Sie muss immer wieder neu erfunden werden, weil die Technik sich ändert, neue Aufgaben entstehen usw. Das gilt nicht nur für den DVBS. Selbst wenn ein Unternehmen keine Behinderten einstellt, kann es davon ausgehen, dass es welche bekommt, aus Reihen der eigenen Mitarbeiter nämlich. Wir haben ein Projekt entwickelt, das auf den Erfahrungen aus BIK@work aufbaut, das aber stärker inklusiv vorgehen will. Will sagen, Arbeitsplätze an die Bedürfnisse von Menschen anzupassen, ist der eine Weg, sie von vornherein so zu gestalten, dass jeder entsprechend qualifizierte Mensch sie besetzen kann, ist der andere Weg. Bezogen auf die Software-Entwicklung heißt das z.B., dass man diejenigen, die hernach mit dem Produkt arbeiten sollen, bereits in die Entwicklung mit einbeziehen muss. Das ist etwas aus der Mode gekommen: Heutzutage wirft man Produkte auf den Markt und lässt die Nutzer sozusagen testen. Das Design ist dann oftmals eines, das nach „Programmierergeschmack“ aussieht. Wie gesagt: Nutzbarkeit für alle ist ein Prozess.

Das Interview führte Projekt-Redakteurin Sigrid Meißner.

Mehr Informationen über den DVBS gibt es hier: www.dvbs-online.de