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Leuchtturm

Leuchtturm Statistikamt Nord
Ein klares Signal: Jeder Einzelne zählt!

Als Hartmut Hövelmann mit 40 Jahren vollständig erblindete, brach für ihn eine Welt zusammen. Der langjährige Mitarbeiter des Statistikamtes Nord in Hamburg fürchtete, auf irgendeinen uninteressanten Arbeitsplatz abgeschoben zu werden. Doch Kolleginnen und Kollegen hielten zu ihm, seine Vorgesetzten wollten ihn nicht fallen lassen. Das IT-Referat suchte nach einer Lösung. Ein Arbeitskreis wurde eingeladen, das Integrationsamt beteiligt. Auch BIK-Berater Detlef Girke konnte seine Kompetenz einbringen. Darüber berichtete BIK@work vor einem Jahr (siehe unter Aktuelles). Die Bemühungen um Barrierefreiheit gehen unvermindert weiter. Nun reiht sich das Amt ein in die Leuchtturmprojekte von BIK@work.

Hartmut Hövelmann und Torsten Jonas am ArbeitsplatzNoch arbeitet Hartmut Hövelmann an einer webbasierten Übergangslösung, aber so soll es nicht bleiben. Das Statistikamt Nord ist in Sachen Barrierefreiheit am Arbeitsplatz Vorreiter der 14 Landes-Statistikämter und im Bund. BIK@work zeichnet das Amt für sein Engagement mit einem „Leuchtturm“ aus und fragte den Leiter des IT-Referats, Lucas Quensel-von Kalben, nach den Problemen bei der Einrichtung eines barrierefreien Arbeitsplatzes für einen blinden Mitarbeiter.

BIK@work:
Vor einem Jahr arbeitete Hartmut Hövelmann mit dem Screenreader JAWS und konnte mit den MS-Office-Anwendungen Word, Excel und Access problemlos umgehen. An webbasierten Übergangslösungen wurde gearbeitet. Wie ist der Stand jetzt?

Portraitfoto: Lucas Quensel-von KalbenLucas Quensel-von Kalben:
Mittlerweile konnten wir ein Übergangsverfahren weitgehend fertigstellen, das Herrn Hövelmann in die Lage versetzt, seine Aufgaben mit geringen Einschränkungen wahrzunehmen. Da für die Umsetzung von barrierefreien Anwendungen im Statistischen Verbund generell vermutlich noch einige Zeit vergehen wird, ist dieses Provisorium vermutlich langfristiger als ursprünglich geplant. Wir werden deshalb weitere Personalressourcen und finanzielle Mittel in die Hand nehmen, um die Arbeiten insgesamt noch einfacher für alle Beteiligten zu gestalten.

BIK@work:
Was macht es so schwer, für einen Arbeitsplatz im Statistikamt eine barrierefreie IT-Anwendung zu erarbeiten?

Lucas Quensel-von Kalben:
Bislang sind die Erfahrungen in der konkreten Umsetzung von Barrierefreiheit in IT-Anwendungen noch recht eingeschränkt. Die Komplexität der Aufgabe ist tatsächlich unerwartet hoch. Neben der reinen technischen Umsetzung sind aber auch vielfältige organisatorische Regelungen zu treffen. Hier muss insbesondere den direkten Kolleginnen und Kollegen von Herrn Hövelmann großer Dank ausgesprochen werden, die bereit waren, ihre eingespielten Arbeitsprozesse neu zu denken und zu ändern. Der finanzielle und personelle Aufwand, den das Statistikamt an dieser Stelle auf sich genommen hat, rechnet sich aber dennoch, weil einerseits ein Spezialist seines Gebietes wieder in den Arbeitsalltag integriert werden konnte und andererseits den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses das klare Signal gegeben wurde, dass der Einzelne zählt.

BIK@work:
Das Statistikamt Nord ist ja Vorreiter für Barrierefreiheit in den 14 Landes-Statistikämtern und im Bund. Haben Sie inzwischen Nachahmer gefunden? Wie ist da die Zusammenarbeit der Ämter?

Lucas Quensel-von Kalben:
Die Sensibilisierung für das Thema Barrierefreiheit ist im vergangenen Jahr deutlich vorangekommen. Bei der Erstellung von Lastenheften und Ausschreibungen im Statistischen Verbund wird die Barrierefreiheit mittlerweile selbstverständlich mitgefordert.

Die technische Umsetzung ist dagegen leider noch nicht so weit, wie wir uns dies wünschen würden. Erste Piloten gängiger Anwendungsfälle, wie das Anmelden an eine Anwendung und Änderung des Kennwortes, zeigen, dass deren barrierefreie Realisierung sehr aufwendig ist. Hier haben wir noch einen langen Weg vor uns.

BIK@work:
Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wird es einmal selbstverständlich sein, Barrierefreiheit in der Entwicklung der IT-Anwendungen von Anfang an mitzudenken? Was meinen Sie, wie lange wird das dauern?

Lucas Quensel-von Kalben:
Ich gehe einmal davon aus, dass diese Frage sich auf die Umsetzung von Barrierefreiheit grundsätzlich, also nicht nur auf die amtliche Statistik bezieht.

Mit dem demografischen Wandel in der Bundesrepublik wird das Thema barrierefreie Zugänge immer größere Personenkreise direkt betreffen. Die motorischen und sensoriellen Einschränkungen von Personen im Erwerbsleben werden steigen. Gleichzeitig werden wir auf die Produktivität dieser Personen nicht verzichten können. Die wirtschaftliche Notwendigkeit für barrierefreie IT-Anwendungen ist daher so bedeutsam, dass der Druck auf die Softwareentwicklung steigen wird.

Optimistisch würde ich schätzen, dass wir weite Teile der Anwendungs­landschaft im Statistischen Verbund in den kommenden fünf Jahren barrierefrei gestaltet haben werden. Ich hoffe, dass die öffentliche Verwaltung und die private Wirtschaft für diese Aufgabe nicht wesentlich länger brauchen werden.

Das Interview führte BIK@work-Redakteurin Sigrid Meißner.