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Aktuelle Meldung

"Wir konnten ihn doch nicht einfach fallen lassen"
Das Statistikamt Nord soll Vorreiter für Barrierefreiheit werden

Einen barrierefreien Arbeitsplatz für einen erblindeten Kollegen einzurichten, ist eine Herausforderung. Das Statistikamt Nord (Hamburg und Schleswig-Holstein) hat die Herausforderung angenommen, als ein langjähriger Mitarbeiter nach einer Krankheit erblindete. Vorerst wird der Statistiker in Hamburg mit einer Übergangsanwendung arbeiten, aber es geht voran, weil Vorgesetzte und Kolleginnen und Kollegen ihn stützen. BIK@work-Berater Detlef Girke bringt bei der Suche nach einer dauerhaften Lösung sein Wissen ein. Und: Die Nordlichter sind Vorreiter bei allen 14 Landes-Statistikämtern und im Bund. Sie konnten in gemeinsamen Beratungsgremien deutlich machen, dass es eine Pflicht des Arbeitgebers gibt, für Barrierefreiheit am Arbeitsplatz zu sorgen.

Hartmut Hövelmann am Arbeitsplatz

Hartmut Hövelmann an seinem Arbeitsplatz

Als Hartmut Hövelmann erblindete, war die Unsicherheit im Statistikamt Nord groß bei der Frage: Kann er weiterbeschäftigt werden? An seinem bisherigen Arbeitsplatz?

Hartmut Hövelmann hatte Angst, abgeschoben zu werden, auf irgend einen unbedeutenden, uninteressanten Posten. "Das war eine ganz schlimme Situation", erinnert er sich. 39 Jahre alt war er, als im Jahr 2003 das erste Auge erblindete, ein Jahr später war es das zweite. Vorausgegangen war eine schwere Nierenerkrankung, daraufhin Entzündungen der Sehnerven. Eine spätere Nieren-Transplantation konnte daran nichts ändern. Ein halbes Jahr nach der vollständigen Erblindung, nach einem intensiven Training und dem Erlernen der Brailleschrift, saß er im Februar 2005 wieder an seinem Arbeitsplatz. Zunächst ging es auch noch einigermaßen gut. Seine lange Berufserfahrung - er ist seit 1992 im Statistikamt - half ihm. Dann kam die Umstellung auf die Programmiersprache Java, und er konnte nicht mehr mit den IT-Anwendungen arbeiten, die er für die qualifizierte Ausführung seiner Tätigkeit brauchte. Sie waren nicht barrierefrei programmiert. "Nicht gefordert zu werden, ist nicht schön", sagt Hövelmann. Seine Vorgesetzten, betont er, waren loyal, aber "Barrierefreiheit war anfangs kein Wort." Er fühlte sich ausgeschlossen. Doch war er nicht allein gelassen.

Sein Abteilungsleiter Sven Wohlfahrt hielt zu ihm. Andere Stellen des Amtes suchten in deren Bereichen nach alternativen, angemessenen Tätigkeiten. Horst-Dieter Jöns, der Schwerbehindertenvertreter im Personalrat, fühlte sich herausgefordert, eine Lösung zu finden. Ganz besonders stützte ihn aber seine direkte Vorgesetzte Susanne Osterhus. "Herr Hövelmann ist schon so lange bei uns. Wir konnten ihn doch nicht einfach fallen lassen", erklärt sie bestimmt. Auch die Kollegen der IT mit ihrem Referatsleiter Lucas Quensel-von Kalben zogen mit. "So etwas läuft gut, weil ein kleines Amt wie unseres gut vernetzt ist", sagt Sven Wohlfahrt. Das Statistikamt hat knapp 400 Beschäftigte, etwa 190 in Hamburg und 210 in Kiel. 50 von ihnen haben einen Schwerbehindertenausweis oder sind gleichgestellt. Hövelmann ist nach wie vor der einzige erblindete Mitarbeiter. Er bemühte sich selbst um Informationen zur Gestaltung eines barrierefreien Arbeitsplatzes und schließlich, so Personalratsmitglied Jöns, "gab der Besuch einer Messe im Blindenverein Hamburg einen weiteren Informationsschub." Seit Februar dieses Jahres ist neuer Schwung in die Suche nach Lösungen gekommen.

Ein Arbeitskreis wurde eingeladen, das Integrationsamt beteiligt, auch BIK@work-Berater Detlef Girke war und ist mit seiner Kompetenz dabei. Hartmut Hövelmann arbeitet mit dem Screenreader Jaws und kann mit den Office-Anwendungen Word, Excel und Access problemlos umgehen. An webbasierten Übergangslösungen wird gearbeitet, und Hövelmann hofft, dass im Sommer 2011 die Anwendungen, die er braucht, barrierefrei sind.

Jöns ist mit dieser Zeitvorgabe noch skeptisch, aber hoffnungsvoll, "dass die gesetzten Ziele erreicht werden." Und "wenn das gelingt, öffnet es Türen". In Hamburg und Kiel geht es derzeit nur um diesen einen Arbeitsplatz, doch könnte Hartmut Hövelmann zum Pionier werden in der Durchsetzung von barrierefreien Arbeitsplätzen bei den Statistikern. "Wir sind Vorreiter. Mit den Argumenten von BIK@work konnten wir in den 14 Landes-Statistikämtern und im Bund deutlich machen, dass hier eine Pflicht des Arbeitgebers besteht", berichtet Abteilungsleiter Wohlfahrt. Jöns: "In den Lastenheften des Programmierverbundes für IT-Anwendungen taucht zum ersten Mal Barrierefreiheit als Voraussetzung auf. Das haben wir eingebracht." Die Anwendungen des Statistikamtes Nord nutzen das vom Land Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellte Rahmenwerk OVIS. Das sieht derzeit nicht die Integration von Zugänglichkeitsklassen vor, die jedoch Bestandteil von Java sind und barrierefreie Anwendungen ermöglichen würden. IT-Referent Quensel-von Kalben hat sich für die Erweiterung von OVIS in den IT-Gremien des Bundes eingesetzt, so dass das Rahmenwerk jetzt Barrierefreiheit berücksichtigt. Jöns: "Dafür hat es bereits grünes Licht gegeben". Den Schwerbehinderten-vertretern und Personalräten geht es darum, für das Thema "Barrierefreiheit" zu sensibilisieren und vielleicht mit der jetzigen Vorgehensweise bundesweit für blinde und sehbehinderte Menschen geeignete Arbeitsplätze schaffen zu können.
Autorin: Sigrid Meißner

Nicht nur intern, sondern auch extern legt das Statistikamt Nord Wert auf Barrierefreiheit. So hat BIK 2009 bei der barrierefreien Gestaltung von www.statistik-nord.de die Qualitätssicherung durchgeführt.


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