„Bei schlechten Farbkontrasten, fehlenden Alternativtexten zu Bildern oder flimmernden Internetseiten stoße ich leider immer wieder an Grenzen“, sagt Ottmar Miles-Paul. Im Interview mit BIK@work spricht der sehbehinderte Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz u.a. über die Kunst, Verständnis für nachhaltige Barrierefreiheit am Arbeitsplatz zu vermitteln, die Notwendigkeit von Schulungen für Schwerbehindertenvertreter und Chancen für mehr Barrierefreiheit durch Gesetze wie die UN-Konvention.
BIK@work: Herr Miles-Paul, auf Ihrer Website als Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz ist unter dem Stichwort "Barrierefreiheit" folgendes Zitat von Ihnen zu lesen:
Wer heute barrierefrei denkt und plant wird gerade im Hinblick auf den demografischen Wandel morgen die Früchte einer barrierefreien Umwelt und gleichberechtigten Teilhabe ernten.
Wie lässt sich dieser Satz auf das Inter- bzw. Intranet übertragen?
Ottmar Miles-Paul
Ottmar Miles-Paul: Im elektronischen Bereich gilt das Gleiche wie bei einer räumlichen Barriere, etwa einer Stufe. Aber: Für einen Nicht-Behinderten ist es offensichtlich, dass Treppen für einen Rollstuhlfahrer eine unüberwindbare Hürde darstellen. Das Inter- bzw. Intranet muss er dagegen erst einmal verstanden haben, um Barrieren, beispielsweise für blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer, zu erkennen. Hier ist eine Art "Übersetzung" nötig. Ziel muss sein, dass Arbeitgeber und Entwickler sowohl das Inter-, als auch das Intranet barrierefrei planen und umsetzen.
BIK@work: Sie sind selbst von Geburt an sehbehindert. Wie kommen Sie in Ihrer täglichen Arbeit im Netz klar?
Ottmar Miles-Paul: Ich bin auf Hilfsmittel angewiesen. Durch einen Bildschirm mit Schwenkarm kann ich Texte und Fotos erkennen, wenn ich mir den Schirm nah vor die Brille ziehe. Bei schlechten Farbkontrasten, fehlenden Alternativtexten zu Bildern oder flimmernden Internetseiten stoße ich aber leider auch immer wieder an Grenzen. Das hindert mich daran, ohne Hilfe am Computer zu arbeiten - darüber ärgere ich mich als Nutzer selbstverständlich.
Auf den Websites der rheinland-pfälzischen Landesverwaltung kann ich mich als sehbehinderter Nutzer glücklicherweise gut orientieren. Das verdanke ich meinen Vorgängern, die unsere IT-Spezialisten von der Notwendigkeit der Barrierefreiheit überzeugen und nachhaltig begeistern konnten. Die Kunst ist, den Ehrgeiz von Web-Entwicklern zu wecken, quasi ihr Herz für Barrierefreiheit zu gewinnen, und erfolgreich zu vermitteln, dass Barrierefreiheit im Inter- und Intranet allen Nutzern etwas bringt, sich also lohnt.
BIK@work: Ein Ziel des Projekts "BIK@work" ist, Arbeitsplätze nachhaltig barrierefrei zu gestalten. Wie stehen Sie zu diesem Thema?
Ottmar Miles-Paul: Ich sehe das genauso. Ende September nahm ich an einem BIK-Sensi-Workshop für Personalräte im Landeskrankenhaus Andernach teil. Da sah ich mich in meinen Ansichten bestätigt: Um Barrierefreiheit am Arbeitsplatz nachhaltig sichern zu können, ist immer wieder nötig, Know-how zu vermitteln, die Dimension klar zu machen, warum und für wen barrierefreies Inter- und Intranet wichtig ist und das Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu verändern. BIK@work spielt dabei eine zentrale Rolle! Indem das Projekt z. B. Arbeitgeber oder Schwerbehindertenvertreter durch Schulungen und Workshops ins Boot holt, leistet es einen sehr wichtigen, grundlegenden Beitrag. Die Schwerbehindertenvertreter sind wichtige Schlüsselfiguren auf dem Weg zur Barrierefreiheit am Arbeitsplatz und damit für neue Arbeitsplätze für behinderte Arbeitnehmer!
Ich halte es für enorm wichtig, derartige Schulungen als festen Bestandteil in den Landesverbänden zu etablieren. In Rheinhessen treffen sich bereits seit längerem 15 bis 30 rheinland-pfälzische Schwerbehindertenvertreter regelmäßig zu einem "Runden Tisch", bei dem sie sich u.a. zum Thema Barrierefreiheit austauschen. Mein Ziel ist, dieses Modell auf ganz Rheinland-Pfalz auszuweiten.
BIK@work: 2003 erließ Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland ein "Landesgesetz zur Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderungen". Wie wirkt sich die Regelung bei der Umsetzung von Barrierefreiheit in Inter- und Intranet aus?
Ottmar Miles-Paul: Rheinland-Pfalz orientierte sich bei dem Erlass am 2002 verabschiedeten Behindertengleichstellungsgesetzes des Bundes. Durch das Landesgesetz konnte ein neues Bewusstsein für behinderte Arbeitnehmer geschaffen werden. Das Thema "Auffindbarkeit von öffentlichen Einrichtungen anhand von Leitsystemen" schärfte z. B. den Blick auf Notwendigkeiten für Blinde und Sehbehinderte.
Das Gesetz ist auch hilfreich, um gegenüber Ministerien die Notwendigkeit barrierefreien Inter- und Intranets zu begründen. Ein Beispiel: 2008 setzten wir im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen durch, das Thema "Barrierefreies Internet" zum Tagesthema der Computermesse "CeBIT" zu machen. Im Zuge dessen wurden unsere Sites auf Barrierefreiheit geprüft, entsprechend angepasst und so genannte Wächter im IT-Bereich zur Wahrung der Barrierefreiheit eingesetzt.
BIK@work: Sind die Bestimmungen des Schwerbehindertengesetzes hinsichtlich der Barrierefreiheit von Inter- und Intranet in ihrer jetzigen Form ausreichend?
Ottmar Miles-Paul: Ja, ich denke schon. Die gesetzlichen Regelungen haben uns im Vorankommen zur Umsetzung von Barrierefreiheit am Arbeitsplatz enorm geholfen. Durch das Sozialgesetzbuch IX wurde eine Grundlage geschaffen, die verbindlich gilt. Arbeitgeber und Web-Designer müssen sich daran orientieren.
Zwar sind wir vom Ziel, sämtliche Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten, noch weit entfernt. Dennoch haben wir heute bundesweit eine gesetzliche Diskussionsgrundlage, durch die ein entscheidender Bewusstseinswandel eingesetzt hat. In Rheinland-Pfalz wurde beispielsweise per Ministerratsbeschluss festgelegt, dass Aufträge der Landesregierung stets barrierefrei umgesetzt werden müssen.
Durch die Reform der BITV erhoffe ich mir einen noch besseren Handlungsspielraum, etwa hinsichtlich der Integrationsvereinbarungen in Betrieben.
Ich kann nicht sagen, dass alles perfekt ist. Meiner Meinung nach sind wir aber auf einem guten Weg. Im Übrigen sollten sich auch Behindertenverbände an die eigene Nase fassen - längst nicht alle Web-Angebote auf diesem Gebiet sind barrierefrei!
BIK@work: Rheinland-Pfalz brachte vor kurzem beim Bundesrat einen Antrag für einen "Nationalen Aktionsplan" zur UN-Behindertenrechtskonvention ein. Warum?
Ottmar Miles-Paul: Zum einen ist es nötig, die internationale Diskussion um gleichberechtigten Zugang national zu verankern. Im März wurde die UN-Konvention in Deutschland ratifiziert, jetzt muss sie dringend mit Leben gefüllt werden! Es ist gut, endlich klare Richtlinien zu haben. Jetzt müssen wir uns aber auf den Weg machen und sie nachbessern, sie sozusagen als stetig weiter zu entwickelnden Impuls sehen. Dazu gehört, die Arbeitgeber noch mehr herauszufordern, uns nicht in "Sonderwelten" abzuschotten und Partner wie Kirchen und Verbände mit ins Boot zu holen.
Zum anderen müssen wir uns in der derzeitigen Wirtschaftskrise erst recht politisch einmischen, um Kürzungen im sozialen Bereich zu verhindern. Das Konjunkturpaket II bietet zudem Chancen, Barrierefreiheit zu thematisieren – das sollten wir nutzen!
Im März, zum Einjährigen der deutschen Ratifizierung, soll der rheinland-pfälzische Landesaktionsplan fertig sein. Ich bin zuversichtlich, das dessen bundesweites Pendant in zwei Jahren fertig gestellt sein wird.
Das Interview führte Susanne Schmidt
Ottmar Miles-Paul, 1964 im baden-württembergischen Ertingen geboren, ist seit 2008 Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz. Miles-Paul, von Geburt an seh- und hörbehindert, engagiert sich seit mehr als 20 Jahren in der Behindertenbewegung. Er ist freier Publizist und Mitbegründer der "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V." (ISL).
Sie möchten per E-Mail über Aktivitäten von BIK@work informiert und auf neue Beratungsgebote und Artikel in unserer Infothek hingewiesen werden?
© 2012 DBSV & DVBS | Impressum | Barrierefreiheit
bik-work.de ist ein Webangebot des BIK-Projekts