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Aktuelle Meldung

Interview mit BIK-Berater Detlef Girke:
Zugangsprobleme bei Java-Anwendung und ihre Folgen

An einigen Arbeitsplätzen unserer Projektpartner stoßen wir auf Java-Anwendungen, die für blinde Beschäftigte nur schwer oder gar nicht nutzbar sind. BIK@work-Projektkoordinator Karsten Warnke nimmt die Berichte der technischen Beraterinnen und Berater zum Anlass, Detlef Girke (freier Projektmitarbeiter) zu den Ursachen der Unzugänglichkeit von Java-Anwendungen, den Folgen und möglichen Lösungsansätzen zu befragen.

Portraitfoto: Detlef Girke

Detlef Girke

BIK@work: Im Gegensatz zu Java-Anwendungen sind MS Office-Programme für Screenreader i. d. R. problemlos nutzbar. Was unterscheidet also Java-Anwendungen von MS Office-Programmen?

Detlef Girke: MS Office-Programme sind nach den Zugänglichkeitsrichtlinien von Microsoft erstellt worden. Da die Hersteller von Screenreadern von Beginn an ihren Hauptfokus auf die problemlose Nutzung von MS Office-Anwen­dungen gelegt haben, sind diese mit den Blinden- und Sehbe­hinderten­hilfsmitteln auch mit Abstand am besten nutzbar. Das liegt daran, dass Screenreader auch heute noch hauptsächlich die Microsoft Active Accessibility Schnittstelle (MSAA) nutzen, an welche das Betriebssystem Windows und alle gängigen Microsoft-Programme ihre Status-, Rollen-, Ist-Wert- und andere Meldungen weitergeben, damit sie von Screen­readern oder von Vergrößerungssystemen zur Ausgabe in Braille, zur Sprachausgabe und zur Fokusverfolgung genutzt werden können. Der Nachfolger von MSAA, UI Automation sowie das IBM-Pendant IAccessible werden in der Regel ebenfalls unterstützt.

Mit Java kann bei richtiger Programmierung ebenfalls mit MSAA und den anderen Zugänglichkeits-Schnittstellen kommuniziert werden. Gemäß der Java-Spezifikation gibt es eine Fülle von Möglichkeiten der zugänglichen Programmierung. Damit ein Screen­reader z.B. mit Java-Swing-Programmen kommunizieren kann, muss ein zusätzliches Programm installiert werden: Die Java Access Bridge. Nun gibt es aber leider das Problem, dass komplexere Tabellen in Java-Swing-Anwendungen von Screenreadern oft nur schlecht interpretiert werden können, was zu erheblichen Zugänglichkeitsproblemen führt, da zur Darstellung von Datenbank-Einträgen inklusive der Möglichkeit, diese zu verändern· in der Regel Tabellen eingesetzt werden. Über einen Trick kann man dem Screenreader dann „vorgaukeln“, es handle sich hierbei um eine einfache Tabelle. Dann ist das Problem so gut wie gelöst. Von dieser Moglichkeit wird derzeit jedoch leider nur selten Gebrauch gemacht.

BIK@work: Welche Gründe sprechen dafür, gerade Java-Anwendungen an Arbeits­plätzen einzusetzen, welche Vorteile haben sie z. B. gegenüber Web­anwendungen?

Detlef Girke: Sie sind mit relativ geringem Aufwand programmierbar und bieten die Möglichkeit der Systemunabhängigkeit.

Im Gegensatz zu Java-Anwendungen benötigen Webanwendungen immer eine Netzwerkverbindung zu dem Server, der die Anwendung bereitstellt. Außerdem ist es bei Webanwendungen schwierig, Tastaturkommandos zu implementieren, welche den üblichen Konventionen folgen. Weil z. B. mit STRG+O im Browser eine neue Datei geöffnet wird, kann nicht ohne Weiteres diese Funktion für die Webanwendung genutzt werden.

BIK@work: Was müssen Entwickler beachten, damit eine Java-Anwendung weit­gehend zugänglich ist?

Detlef Girke: Sie sollten die Java-Zugänglichkeitsklassen in allen Bereichen ihrer Programme mit einbauen und schon während der Programmierung testen, ob diese auch von einem Screen­reader unterstützt werden.

Dann wäre es wichtig, sich im Vorfeld im Klaren darüber zu sein, auf welche Weise die Anwendung "blind" bedienbar sein soll. Wie bei der Erstellung von barrierefreien Internetseiten muss zunächst eine gebrauchstaugliche Struktur geschaffen werden und dann die dazu passende Optik, und nicht umgekehrt, wie es heutzutage leider immer noch üblich ist.

BIK@work: Sind nach diesen Maßnahmen Java-Anwendungen für die Nutzung mit Screenreadern oder Vergrößerungsprogrammen voll nutzbar oder muss es noch besondere Anpassungen geben?

Detlef Girke: Leider ist mir noch keine vollständig zugängliche Java-Anwendung untergekommen. Daher waren bisher immer zusätzliche Screenreader-Anpassungen (sogenannte Scripte) notwendig, um eine für Blinde oder Sehbehinderte nutzbare Arbeitsplatzumgebung zu schaffen.

BIK@work: Welche Nachteile ergeben sich daraus für die Screenreadernutzerinnen und -nutzer, wenn sie mit speziellen Anpassungen arbeiten müssen? Handelt es sich hier nicht um Insellösungen?

Detlef Girke: Ja, durchaus. Vor allem passiert es dann oft, dass bei Software-Aktuali­sierungen die Anpassung des Hilfsmittels neu vorgenommen werden muss. Das ist nicht nur teuer, sondern hindert schwerbehinderte Arbeit­nehmer auch an der Möglichkeit der reibungslosen Erledigung der täglichen Arbeit. Oft wird dann für eine bestimmte Zeit oder sogar dauerhaft Assistenz benötigt. Die Anpassungen bewirken auch längere Einarbeitungszeiten. Eine reibungslose Integration von behinderten Menschen an Computerarbeitsplätzen ist m. E. erst dann möglich, wenn z. B. eine Braillezeile wie eine Maus an einen Rechner angeschlossen werden kann und sofort funktioniert. Doch davon sind auch die Betriebssysteme leider noch weit entfernt.

BIK@work: Der Begriff der Barrierefreiheit des Behindertengleichstellungsgesetzes geht ja davon aus, dass Systeme der Informationsverarbeitung dann barrierefrei sind, wenn sie in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. Dieser Grundsatz wäre unter den von Dir beschriebenen Umständen dann wohl nicht erfüllt – oder?

Detlef Girke: Noch lange nicht. Doch sind wir auf einem guten Weg dahin. Durch die Arbeit von BIK@work in Behörden, Universitäten und Betrieben entsteht immer mehr ein Bewusstsein dafür. Leider wird es nach meiner Einschät­zung aber noch Jahre dauern, bis das Ziel des Behindertengleichstellungs­gesetzes erreicht ist.

BIK@work:Intranetseiten und -anwendungen können mit dem von BIK entwickelten BITV-Test geprüft werden. Für die Entwicklung kann im Detail aufgezeigt werden, was geändert werden muss, damit weitgehende Barrierefreiheit erreicht wird. Wie kann man Java-Anwendungen testen und kann man den Grad der Zugänglichkeit auch mit Punkten bewerten?

Detlef Girke: Für Java-Anwendungen eignet sich der BITV-Test nur eingeschränkt. Natür­lich kann man hingehen und die auf Software anwendbaren Prüf­schritte großzügig auslegen und dann prüfen. Man kommt auf diesem Weg zumindest zu einem brauchbaren Gutachten. Aber nicht zu einem Ergebnis in Punkten.

Besser geeignet für den Test von Software ist die IBM-Zugänglichkeits-Checkliste, die es auf den Internetseiten von Jan Eric Hellbusch auch in einer deutschen Fassung gibt. Allerdings hat das Prüfergebnis auch hier nur gutachterlichen Charakter. Eine Beurteilung, wann eine Software barrierefrei ist, ist dabei nicht so leicht.

BIK@work:Was ist Entwicklern von nicht webbasierten Programmen zu raten, wenn sie mit der Planung beginnen? Gibt es Tools, mit denen sie von Beginn an die Zugänglichkeit prüfen können?

Detlef Girke: Für Microsoft-kompatible Programme, die die MSAA-Schnittstelle nutzen sollen, gibt es schon aus den Zeiten von Windows 98 das Programmpaket Inspect Objects, was Programmierern genau Auskunft darüber gibt, bei welcher Aktion in welchem Programmbereich welche Ereignisse an die MSAA-Schnittstelle weitergegeben wurden.

Zusätzlich würde ich empfehlen, was ich oben bereits gesagt habe: Bei der Planung die Optik zunächst zurückstellen und versuchen, eine gebrauchstaugliche Struktur zu schaffen. Meist ist es dann auch leichter, eine übersichtliche Benutzeroberfläche zu bauen.

BIK@work: Was ist den behinderten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu raten, wenn sie erfahren, dass z. B. eine Java-Anwendung eingeführt werden soll?

Detlef Girke:Mit der Schwerbehindertenvertretung bzw. dem Personalrat Kontakt auf­nehmen und versuchen, Ansprüche, z.B. in der Form geltend zu machen, dass bei der Programmierung von Anfang an ein Beratungsangebot wie das von BIK@work einbezogen wird. Befürchtungen, dass die Zugäng­lich­keit von Java-Anwendungen zu einem großen Problem werden könnte, sollten laut ausgesprochen werden und nach Möglichkeit auch Mitarbeiter mit Entscheidungskompetenz im Unternehmen erreichen. Unzugänglichkeit von betriebseigener Software ist ja keine böswillige Absicht, sondern hängt in den meisten Fällen mit Unkenntnis zusammen. Meine Erfahrung aus den BIK@work Sensibilisierungs-Workshops ist, dass Verantwortliche für die Problematik sehr zugänglich sind und kreative Ideen einbringen, wenn es darum geht, eventuelle Mehrkosten für die barrierefreie Programmierung aufzufangen.

BIK@work:Welche Forderungen sollten die Verbände behinderter Menschen auf­stellen, damit Java-Anwendungen barrierefrei ohne Zusatzaufwendungen programmiert werden können?

Detlef Girke: Es sollte kommuniziert werden, dass schwerbehinderte Arbeitnehmer um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen, sobald vom betriebsinternen Einsatz von Java-Anwendungen die Rede ist.

BIK@work: Detlef Girke ist seit 2002 technischer Berater in BIK-Projekten. Heute arbeitet er als freier Mitarbeiter im Projekt BIK@work. Detlef, welche Bedeutung hat für Dich Deine Tätigkeit im Projekt und was ist Deine besondere Motivation?

Detlef Girke: Ich bin selbst stark sehbehindert. Ich habe die Nachteile, mit denen wir an Arbeitsplätzen zu kämpfen haben, am eigenen Leibe erfahren. Ich wünsche mir und anderen, dass irgendwann einmal die Beschäftigung von behinderten Menschen nicht zunächst als Hürde empfunden wird, sondern als untergeordnete Tatsache, die mit der Umsetzung des fachlichen Potenzials nicht mehr in einen, wie auch immer gearteten, Zusammen­hang gebracht wird. Das wäre dann so etwas wie Gleichstellung für mich. Für dieses Ziel kann ich innerhalb von BIK@work durch Workshops, Tests oder individuelle Beratung meinen persönlichen Beitrag leisten.

Deutsche Fassung der IBM-Checkliste für Software-Zugänglichkeit: www.barrierefreies-webdesign.de/richtlinien/ibm-guidelines


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